Ich lebe in Stuttgart. Ich mag Stuttgart. Sehr sogar. Ich bin hier verwurzelt und habe viele Freunde in Stuttgart. Meine Kids sind gebürtige Stuttgarter. Ich habe mich damals, 2001, dazu entschlossen, nach Stuttgart zu ziehen. Auch wegen der Musik. Sicher. Nicht wegen des Fußballteams. Sicher!
Ich fühle mich hier wohl und bin zufrieden mit sehr vielem hier in Stuttgart. Aber eins ist so gar nicht schön…
Als SCHALKER in Stuttgart zu leben. [Wie ich mich mit dem Schalke Virus infiziert habe, lest ihr hier.]

Rückblick: Die Zeit als Student, stets broke aber glücklich, war am schlimmsten. Ich konnte mir kein Premiere leisten und es gab in ganz Stuttgart nicht eine einzige Kneipe, in der die Schalkespiele gezeigt wurden. Ein Skandal! Ich hatte nur die Chance Schalke zu sehen, wenn wir zufällig nicht an dem Tag und der Uhrzeit spielten, an dem der VfB spielte. Damals sehr selten, da es im Prinzip nur zwei unterschiedliche Anstoßzeiten gab. Und dann gibts da ja auch noch diese Bayern… Lange Rede, kurzer Sinn: Es war absolut unmöglich mehr als 3, 4 Spiele pro Saison live in ‘ner Kneipe zu verfolgen. Horror! Aber wenn, dann natürlich richtig: mit Trikot, Schal und allem was dazugehört. Von dem Moment an, als ich meine Studibutze verließ, auf dem Weg zur Kneipe, in der Kneipe und dem Weg zurück, wurde ich abfällig begutachtet. Begafft wie ein blau-weißes Alien. Das härtet ab. Aber das Schöne an Stuttgart ist ja auch, man kann bedenkenlos als Schalker durch die Straßen ziehen, ohne von irgendwem dumm angemacht zu werden. Immerhin.
Dann kam die gute alte Zeit, in der jeder Dritte so ‘nen gecrackten Premiere-Receiver hatte. Da ging es langsam aufwärts. Hier und da konnte ich dann doch mal einen flüchtigen Blick auf unsere Jungs erhaschen. Aber leider immer noch viel zu selten.
Mitte der 2000er Jahre hielten dann endlich die Internet-Livestreams Einzug in mein Leben. Ein wahrer Segen. Diese unglaublich verpixelten, hakelnden, unscharfen, mit russischem, chinesischem oder rumänischem Kommentar hinterlegten Bildfetzen. Zusammengesetzt aus vielen einzelnen Standbildern, sodass das Ganze eher an ein Bilderbuch, höchstens noch Daumenkino, erinnerte, als an ein rassiges, emotionales Fußballspiel. Trotzdem, ein Traum! Endlich durfte ich die Knappen live im Fernsehen “erleben”.
Klar zog es mich auch so oft es ging ins Stadion, aber so viele Bundesliga Clubs sind hier im Süden ja auch nicht angesiedelt. Meine Tour lief meist so ab (abhängig davon, welches Süd-Team zur Abwechslung mal erstklassig war): Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe, München, Frankfurt. Das wars auch schon. Wenn es für mich, als auto- und monetenloser Student möglich war, machte ich mich auf in die Arena. Aber leider viel, viel, viel zu selten.

Zurück in die Gegenwart: Auch in den jetzt über 10 Jahren in Stuttgart, habe ich noch immer keinen Schalkefan hier kennengelernt. Schade, aber dafür habe ich ja jetzt meine beiden Kleinen, die ich mir zu waschechten Schalkern ranziehe! Es ist sogar noch schlimmer: Alle meine Freunde (auf jeden Fall die, die sich für Fußball interessieren) sind VfB-Fans. Uns verbindet fußballtechnisch eine Hassliebe, aber was sich disst, das liebt sich… Oder so ähnlich.
Jetzt, da ich ein gemachter Mann bin, der sich die ganze Welt kaufen kann, sieht das mit dem Fußballschauen doch ganz viel entspannter aus. Nicht nur, dass ich mir ein übertrieben teures Sky-Abo leiste, nein, ich schaffe es nun auch wieder häufiger in die Donnerhalle! Immer noch nicht so oft, wie ich es mir wünschen würde, aber doch deutlich öfter als in den vergangenen 10 Jahren. Immerhin.
Und wer weiß, vielleicht werde ich noch irgendwann mal einen weiteren Schalker hier entdecken, in dem Dickicht des schwäbischen Großstadtdschungels, mit dem ich mich dann gemeinsam für insgesamt 10 Stunden Fahrt ins Auto schwingen kann, um unsere Jungs in der Arena zu sehen. Vielleicht bin ich dann auch nicht mehr ganz so Alien-like im Ländle… Zumindest fußballtechnisch.

